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Buchpremiere des ersten Prenzlauer-Berg-Krimis

Details
Erstellt am Freitag, 19. Oktober 2012 10:00

knauf low

Am 18. Oktober war die Buchpremiere des neuen be.bra Krimis Der Golem vom Prenzlauer Berg, erster von zwei Prenzlauer-Berg-Krimis. Erfahren Sie mehr über den Autor Thomas Knauf im Interview:

Thomas Knauf gehört zu den Autoren, die sich im Kiez niedergelassen haben. Ende September erschienen seine ersten beiden Prenzlauer-Berg-Krimis.
Treffpunkt für das Gespräch ist das Hilde, Prenzlauer Allee Ecke Metzer Straße. Für den Pastis, den er hier für gewöhnlich bestellt, ist es noch ein bisschen zu früh ...

 

Seit wann leben Sie eigentlich in Prenzlauer Berg?
Seit 1970, mit Unterbrechung. Zu DDR-Zeiten wohnte ich auch einen Weile in Mitte, Treptow und Pankow, doch die Gegend um den Kollwitzplatz war mein Lebensmittelpunkt. Damals war es ein „Ort des Unmuts", wo viele Leute lebten, die mit dem Honecker-Staat über Kreuz lagen – Kriminelle, Kohlenklauer, Künstler. Nach dem Abschied von der DDR habe ich fünf Jahre in New York gelebt, später in Paris, Rio und Jerusalem. Seit Ende der 90er Jahre bin ich wieder in Berlin, hab ein Jahr in der Karl-Marx-Allee gewohnt, um zu sehen wie das ist, ging aber nicht. Ich habe festgestellt, der Prenzlauer Berg ist meine Heimat, hier möchte ich alt werden und begraben sein. Obwohl sich ja inzwischen viel verändert hat – nicht nur zum Schlechten. Der Pastis schmeckt freilich nicht wie in Paris, und die freundliche Gelassenheit der New Yorker vermisse ich oft bei den Zugezogenen. Aber die sind auch bald wieder weg, weil sie immer dort sein wollen, wo es „angesagt« und teuer ist. Inzwischen ist der gute schlechte Ruf des Prenzlauer Bergs fast ruiniert, der Kiez wird immer provinzieller und langweiliger. Aber Berlin bleibt Berlin und hat schon schlimmere Katastrophen überdauert.

 

Und deshalb schreiben Sie jetzt Prenzlauer-Berg-Krimis?
Die Idee dazu kam mir ziemlich spät, erst vor ein paar Jahren, als ich aufgehört habe, Drehbücher zu schreiben. Ich stellte fest, dass es Krimis über den Prenzlauer Berg noch nicht gibt. Dabei könnten dies Selbstläufer sein, der Stoff liegt auf der Straße. Hier treffen viele unterschiedliche Menschen aufeinander und durch den Tourismus kennt man den Prenzlauer Berg auf der ganzen Welt. Als ich den ersten Krimi zu schreiben anfing, stellte sich noch eine andere Sache ein. Ich entdecke den Kiez für mich neu, Orte, die ich noch nicht kannte, wie die Bötzow-Brauerei. Da war ich erst vor kurzem zum ersten Mal drin, obwohl ich 1970 direkt an der Mauer zur Brauerei gewohnt habe.

 

In den Krimis erkennt man also den Prenzlauer Berg wirklich wieder und nicht nur ein paar touristische Highlights?
Unbedingt. Mein Vorbild sind ein bisschen die Paris-Krimis von Léo Malet, der zu jedem Arrondissement einen Krimi geschrieben hat. Mit ihnen als Stadtführer konnte ich mir Paris erlaufen. Seit ich an den Krimis arbeite, hab ich ein anderes Verhältnis zum Prenzlauer Berg, zu den Menschen gefunden. Selbst mit überängstlichen Eltern vertrage ich mich besser durch meinen Hund, der sich von allen Kindern gern streicheln lässt. Das verdanke ich auch der Arbeit, die ich jetzt mache. Ich schaue anders hin und gehe auf die Leute zu.

 

Warum schreiben Sie eigentlich keine Drehbücher mehr?
Der Hauptgrund war, dass ich mit 55 Jahren begriffen habe, dass ich zu alt bin für dieses Geschäft. Die Redakteure werden immer jünger und ich hatte nur noch mit Dreißigjährigen zu tun, die sehr wenig Respekt vorm Alter haben und vor der Arbeit, die man schon geleistet hat. Der autoritäre Umgangston im Fernsehen, der von Entscheidungsangst und Quote regiert wird, entspricht nicht meiner Vorstellung von kreativer Tätigkeit. Nach fünfundzwanzig Jahren als Drehbuchschreiber hatte ich dazu einfach keine Lust mehr. Den Beruf hatte ich gewählt, um Kinofilme zu schreiben, ich war ja bei der DEFA fest angestellt. Doch nach der Wende hab ich nur fürs Fernsehen vor allem Krimis geschrieben. Dabei hat mich das Medium eigentlich niemals gereizt – ich sehe auch selbst kaum fern – deshalb hab ich beschlossen, damit aufzuhören und das Feld jüngeren Leuten zu überlassen.

 

Das klingt etwas bitter ...
Ach nee. In Amerika hab ich Leute getroffen, die ihren Beruf in Spitzenpositionen aufgegeben haben, weil sie Lust hatten, etwas Neues zu machen. Nicht aus der Not heraus, sondern weil sie gesagt haben, das Leben ist zu kurz. Da waren Chefs, die noch mal etwas Anderes studiert haben. Das gibt es in Deutschland weniger, da klebt man an seinem Job und geht notfalls mit ihm unter, anstatt was Neues zu probieren. Außerdem ist mein Wechsel nicht so dramatisch – ich schreibe ja weiter, nur eben keine Drehbücher mehr, sondern richtige Bücher.

 

Also Krimis?
Zum Beispiel. Hab ja jahrelang Geschichten für Tatort und Polizeiruf 110 erfunden. Und anderes geschrieben, hab ich auch schon immer. Früher Gedichte, Prosa, Essays und für Zeitungen sowieso. Mach ich heute noch bisweilen, wird aber immer schlechter bezahlt.

 

Mit einem richtigen Buch haben Sie letztes Jahr auf sich aufmerksam gemacht.
„Babelsberg-Storys" ist die Autobiografie meines Berufslebens und ein Ratgeber für angehende Drehbuchautoren. Demnächst erscheint ein Buch über meine Kindheit - Erinnerungen unter Vorbehalt, weil es das Problem von Wahrheit und Erfindung beim Erinnern zum Thema hat. Ich habe vor, noch eine weitere autobiografische Erzählung zu schreiben, über die Jahre von 1970 bis 89 in Prenzlauer Berg. Es kursieren viele Irrtümer über diese Zeit und diesen Kiez. Die jungen Leute interessieren sich für die DDR, aber sie wissen so gut wie nichts, weil sie in der Schule nichts darüber lernen. Dadurch wird alles so geschichtslos, aber das ist wohl beabsichtigt.

 

Über den Prenzlauer Berg gibt's aber schon einiges nachzulesen.
Viel sogar. Aber lesen das auch Leute, die nicht hier aufwuchsen? Ich treffe täglich polyglotte Stadtbildbetrachter, die Touristen erzählen, das wäre hier ein Künstlerviertel wie das Pariser Quartier Latin gewesen, so ein Blödsinn. Die wenigsten waren Künstler. Natürlich, es gab welche, aber die passten in drei Kneipen - ins Fengler, Wiener Kaffee, Lampion. Ansonsten gab es vor allem Arbeiterfamilien und alte Omas, Leute, die was auf dem Kerbholz hatten und etliche, die mit oder ohne Zuzugsgenehmigung nach Berlin kamen, um ihr Ding zu machen. Auf den Dächern wuchs der Hanf meterhoch und die Polizei hielt es für harmloses Unkraut. Der „Grüne Saarbrücker" aus der nämlichen Straße war besser als in Kreuzberg ... Ich bin übrigens dafür, dass im Prenzlauer Berg-Museum eine Audiothek der Erinnerung eingerichtet wird, damit subjektive Erfahrung aufgehoben wird und die Geschichtsklitterung derer, die meinen, in der DDR gab es kein richtiges Leben im falschen, nicht noch weiter voran schreitet. Denn Erinnerung ist ein Menschenrecht.

 

Die Krimis, die Sie schreiben, sind aber in der Gegenwart angesiedelt, oder?
Stimmt. Aber die interessantesten Verbrechen haben meist mit der Vergangenheit zu tun, wie die griechischen Tragödien. Affekthandlungen wie Handtaschenraub oder Totschlag im Suff machen keine gute Krimistory, weil es nur wenig zu ermitteln gibt. Gute Krimis sind gute Literatur, denn sie erzählen von menschlichen Abgründen, politischen und sozialen Verhältnisse, und das auf betont unterhaltsame Weise.

 

In ihren beiden ersten Krimis ist viel von der Veränderung des Prenzlauer Bergs die Rede.
Wenn man zu lange an einem Ort lebt, an ihm hängt, leidet man an jeder Zerstörung und Veränderung. Ich hoffe, dass es mir nicht so geht. Deshalb habe ich auch einen Privatdetektiv erfunden, der vollkommen entspannt ist, affektlos, und sich nicht so berlinisch aufregt über alles und jeden. Hier drüben in der Metzer Straße hat John Klein gemeinsam mit seinem Partner sein Detektivbüro, direkt an der Bötzow-Brauerei. Außerdem hat er einen Hund namens Seneca, dem Philosophen des Glücks ...

 

(Das Gespräch führte Ingrid Feix)

 

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